Stille Nacht, heilige Nacht - 200 Jahre ewiges Lied

"Stille Nacht, heilige Nacht" wurde am Heiligabend 1818 zum ersten Mal gesungen, in einer Zeit des Hungers und der Not im Salzburger Land. Als Gelegenheitsdichtung eines Priesters und schnell hingeschriebene Komposition eines Kirchenmusikers sollte das Lied eigentlich keinen Bestand haben. Dennoch trat es dann einen Siegeszug um die ganze Welt an und machte auch seine Schöpfer Joseph Mohr und Franz Xaver Gruber berühmt.

Heute ist "Stille Nacht" das weltweit populärste Weihnachtslied - in seiner Ergriffenheit unübertroffen und in seinem textlichen wie musikalischen Ausdruck Inbegriff alpenländischer Weihnacht, Harmonie und Innerlichkeit.

Spannend geschrieben und auf Basis von Quellen und neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zusammengetragen, zeichnet André Uzulis die Entstehung und Verbreitung dieses Liedes nach. (Verlagsinformation)

 

André Uzulis: Stille Nacht, heilige Nacht. 200 Jahre ewiges Lied

Bonifatius-Verlag Paderborn, 204 Seiten, 22,90 Euro

 

Aus dem Vorwort

 

Seit 2005 fahre ich regelmäßig ins Berchtesgadener Land. 2009 habe ich dort Wurzeln geschlagen. Auf meinen Wanderungen und kulturellen Streifzügen durch die Region und das benachbarte Salzburger Land bin ich schon früh auf das Stille-Nacht-Museum in Hallein gestoßen. Schöne Erinnerungen an das Weihnachten meiner Kindheit wurden bei diesen Museumsbesuchen wach, denn Weihnachten war und ist für mich ohne „Stille Nacht“ nicht zu denken. Mir geht es da nicht anders als Millionen von Menschen und sicher auch den Leserinnen und Lesern dieses Buchs. Stunden des Übens am Klavier mit meiner aus Rumänien stammenden ebenso strengen wie einfühlsamen Klavierlehrerin, aber auch das folgende fröhliche Musizieren und Singen im Familienkreis an den Weihnachtstagen: „Stille Nacht“ gehörte und gehört für mich zu Weihnachten wie Plätzchen und der Tannenbaum. Ich fühle mich tief berührt von dieser simplen Melodie und dem ergreifenden Text.

 

Das Lied ist zum Inbegriff abendländischer Weihnacht geworden, geliebt und geschätzt auf allen Kontinenten – der erste Welthit der Musikgeschichte lange bevor es Tonträger, Hitparaden und eine kommerzielle Unterhaltungsindustrie gab. Heute ist es das beliebteste deutschsprachige Lied überhaupt, noch vor Johannes Brahms’ „Wiegenlied“ und Franz Schuberts „Am Brunnen vor dem Tore“. Geplant war das alles nicht und konnte es auch gar nicht sein. „Stille Nacht“ ist eine Gebrauchs- und Gelegenheitsdichtung, schnell hingeworfen von Dichter und Komponist in jeweils einem luziden Moment ihres Lebens. In der Kulturgeschichte gibt nur noch ein einziges weiteres Beispiel eines derart beiläufig erschaffenes Lieds, das eine ähnliche bis heute andauernde inhaltliche und emotionale Aufladung erfuhr: die Komposition eines bis dato völlig unbekannten französischen Hauptmanns namens Claude Joseph Rouget, genannt de Lisle, der in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1792 in Straßburg über sich hinauswuchs und in nur zwei Stunden ein Lied komponierte, das auf seine ganz eigene Art und Weise die Welt prägen würde, geradezu eine Sternstunde der Menschheit: den „Chant de guerre pour l’armée du Rhin“ – besser bekannt als „Marseillaise“, die Mutter aller Nationalhymnen.

 

Ausgelöst durch die Besuche in Hallein, in Oberndorf und anderen Stille-Nacht-Orten in Österreich wuchs in mir der Wunsch, mehr zu erfahren von der Entstehung und Verbreitung von „Stille Nacht“, dieses Seelen-Liedes. Und so begann ich zu lesen, Archive zu besuchen, mit Wissenschaftlern zu sprechen. Ich bin dabei auf die faszinierende und durch und durch menschliche Geschichte zweier Männer gestoßen, die in schwerer Zeit in unverbrüchlicher Freundschaft zueinander fanden und sich gegenseitig in ihrer Kreativität bereicherten: dem Hilfspriester Joseph Mohr als Textdichter und dem Lehrer Franz Xaver Gruber als Komponist.

 

Schon dem Direktor der Regensburger Kirchenmusikschule Prof. Dr. Karl Weinmann führte „Liebe und Freude zur Sache“ die Feder, als er 1918 eine systematische Geschichte zum 100. Geburtstag von „Stille Nacht“ vorlegte. Genau wie ihm ging es mir: Das Thema ist so erquicklich, dass es immer wieder eine Bereicherung war, darüber schreiben zu können. Insofern hat mir „Stille Nacht“ mit der Arbeit an diesem Buch Freude weit über Weihnachten hinaus geschenkt, obwohl es an den drückenden 30-Grad-Ferien des Sommers 2017 schon bizarr anmutete, sich mit einem Weihnachtslied zu beschäftigen. Aber das kann auch sein Gutes haben, wie mir in den heißen letzten Augusttagen 2017 eine Bibliothekarin des Deutschen Liturgischen Instituts in Trier sagte, als sie mir freundlicherweise Literatur zum Thema aus dem Magazin heraussuchte: „Fünf Titel ‚Stille Nacht‘, und schon fühlt man sich erfrischt.“

 

Nun sind seit Weinmanns Buch weitere 100 Jahre vergangen. Ich hatte keine „Paßschwierigkeiten“ wie mein Vorgänger beim Besuch der Stille-Nacht-Stätten in Österreich. Weinmann hatte die Staatsgrenze zwischen Deutschland und Österreich erst nach etlichen Formalitäten überschreiten können. Erst Recht lebe ich nicht in einer Zeit des Krieges wie Weinmann, als er 1917/18 am Manuskript zu seinem Buch arbeitete. Die Teilung der Stadt Laufen, in deren früheren Ortsteil Oberndorf das Lied am Heiligen Abend 1818 zum ersten Mal gesungen wurde, ist durch die europäische Einigung längst überwunden. Die Menschen reisen heute ungehindert von einer Seite der Salzach zur anderen, bezahlen hüben wie drüben mit derselben Währung und stehen in der Stille-Nacht-Kapelle einträchtig vor den Porträts der beiden Schöpfer des Liedes. Die Stille-Nacht-Stätten sind fein herausgeputzt und ziehen heute täglich Touristen aus aller Welt an. „Stille Nacht“ ist zu einem Faktor in der Marketing-Strategie des Landes Salzburg geworden.

 

In dieser glücklichen Zeit in Mitteleuropa, in der die meisten von uns leben dürfen, die aber andernorts immer noch von Krieg und Leid geprägt ist, wird das Lied nun 200 Jahre alt und bringt nach wie vor seine Sehnsucht nach einer heilen und besseren Welt zum Ausdruck. Doch auch in unserer Zeit ist nicht alles gut. Deshalb spricht das Lied in einer zeitlosen Aktualität zu uns, auch wenn es inzwischen ein „merkwürdiges Gebilde aus Dichtung, Musik, Frömmigkeit, Volkstum, politischen und wirtschaftlichen Interessen“ geworden ist. Zu seinem 200. Geburtstag war es an der Zeit, den neuesten Forschungsstand zu sichten, mit alten, sich hartnäckig haltenden Legenden aufzuräumen und in einer aktuellen Gesamtdarstellung Vorgeschichte, Entstehung, Wirkung und heutige Bedeutung von „Stille Nacht“ darzulegen. Neue Quellen sind in den vergangenen Jahrzehnten aufgetaucht, am wichtigsten wohl der Autograph Joseph Mohrs mit der ältesten Abschrift des Liedes. Historiker, Musik- und Kulturwissenschaftler konnten viele Einzelaspekte zur Verbreitungsgeschichte ausleuchten und offene Fragen beantworten.

 

Die Literatur zu „Stille Nacht“ ist inzwischen recht umfänglich, wenn auch nicht unüberschaubar. Neben dicken Forschungsbänden gibt es beschauliche Büchlein, die die alten Legenden fortspinnen, und auch hervorragende Monographien. Die vielleicht beste wurde 2002 von dem aus Chemnitz stammenden früheren Rektor der Hochschule für Kirchenmusik in Heidelberg, Professor Wolfgang Herbst, vorgelegt. Auf den Schultern seiner faktenreichen, nüchternen und gut lesbaren Untersuchung steht dieses Buch.

 

Vieles was in der Geschichte des Liedes bislang die Aura des Geheimnisvollen oder des Legendenhaften hatte, ist inzwischen auf seinen wahren Kern reduziert worden. Die 1972 gegründete Stille-Nacht-Gesellschaft in Oberndorf fördert mit ihren Publikationen auf segensreiche Weise die weitere Erforschung des Liedes und seines Umfelds. Das zum Keltenmuseum in Hallein gehörende Stille-Nacht-Museum wurde 2017 umfangreich saniert und präsentiert heute in der ehemaligen Wohnung des Komponisten Gruber wertvolle Exponate. Dass es überhaupt dieses und andere Museen gibt, ist einmalig in der Musikgeschichte. Keinem anderen einzelnen Lied sind eigene Museen und Gedenkstätten, keinem anderen Lied ist eine eigene wissenschaftliche Gesellschaft gewidmet.

 

Mehrere interdisziplinäre Symposien haben der Stille-Nacht-Forschung Impulse verliehen, so etwa eine Tagung 1993 aus Anlass des 175-jährigen Jubiläums des Liedes. Nicht zuletzt die Aufnahme der UNESCO von „Stille Nacht“ in das immaterielle Welterbe der Menschheit 2011 unterstreicht seine Bedeutung.